Autor: Rudolf Kübler, 09.11.2016   Südwest Presse

http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/trauerrednerin-gabriele-fischer-will-menschen-aus-der-schockstarre-holen-13960956.html 

 

 

 

 

 

 

Trauerrednerin Gabriele Fischer will Menschen aus der Schockstarre holen

ULM:


Trauerrednerin statt Erlebnisgästeführerin: Gabriele Fischer kann auch seriös sein. Foto: Volkmar Könneke Fotograf: Volkmar Könneke

Leben und sterben, lachen und weinen – das gehört zusammen.“ Sagt Gabriele Fischer. Wer die 52-Jährige mit dem blonden Haarschopf kennt, ordnet sie eher dem komödiantischen Fach zu. Als Erlebnisgästeführerin verantwortet sie den Bereich „Leben und Lachen“. Ganz gleich, ob sie als Nachtwächterin in Ulm unterwegs ist, als herb-resolute Wirtin auftritt oder sich als Albrecht Berblinger von der Stadtmauer stürzt. Letzteres sollte man nicht wörtlich nehmen. Selbst das Thema „Sterben“ weist bei ihr komische Züge auf, wenn sie Touristen etwa als Henker Hartmann oder als Totengräberin Ersebeth durch die Stadt führt. Nach dem Motto: „Darf ich Sie jetzt um die Ecke bringen?“ Da bleibt kein Auge trocken.

Um so erstaunlicher die jüngste Wendung in ihrem an Wendungen reichen Leben; die Frau, die so gerne lacht und Sprüche klopft, „dass der Sau graust“ (O-Ton Fischer), hat sich neu erfunden: als Trauerrednerin. Was? Gabriele Fischer? Trauerrednerin? Ja, doch! Vor zwei Jahren sei sie am Scheideweg gestanden. Wie sollte es beruflich mit ihr weitergehen? Ihr Job stellte sie nicht zufrieden, er saugte zu viel Energie ab, selbst die Erlebnisführungen, die ihr sonst Kraft gaben, ermatteten sie. Dann musste sie auch noch zu dieser Beerdigung . . . „Die war so grottig. Ein bisschen Orgel, ein Vaterunser, keine gute Rede. Hinterher hab’ ich gedacht: Das kann man besser machen.“ Sie kann reden, sie kann mit Leuten – warum also nicht ins ernste Fach wechseln? Fünf Begräbnisse wollte sich Gabriele Fischer, die keiner Konfession angehört,  Zeit geben. Schauen, ob das passt. Was das aus ihr, der so lebenslustigen Person, macht. Sie ließ ein paar Flyer drucken, legte sie auf Friedhöfen und bei  Bestattern aus . . . 

Und der erste, der bei ihr anrief, fragte sie gleich, ob sie „die“ Gabriele Fischer sei. So ist das eben, wenn man ein Leben als bunter Hund führt. „Er hat mich sofort an der Stimme erkannt, ein paar Wochen zuvor war er bei einer Führung dabei.“ Sie geht offensiv damit um, dass sie die „lustige“ Gabriele Fischer ist. Und die „seriöse“ Gabriele Fischer hat Verständnis dafür, wenn jemand sagt: „Ach Gott, die Totengräberin Ersebeth. Bei der hab’ ich mich totgelacht. Die will ich aber nicht als Trauerrednerin haben.“

Mittlerweile hat sie rund 40 Beerdigungen hinter sich – Beerdigungen ganz unterschiedlicher Art. Für alte Menschen und für jüngere, wobei die jüngeren, die aus dem vollen Leben gerissen werden, sehr viel Kraft kosten. Die Mutter mit zwei Kindern beispielsweise, „halten Sie bitte meine Trauerrede“, habe die unheilbar an Krebs Erkrankte zu ihr gesagt. „Puuuh . . . das ist mir sehr schwer gefallen.“ Ganz nah am Wasser gebaut ist sie da, den Kloß im Hals kann sie beim Reden kaum verbergen. „Ich darf doch auch weinen, ich mach’ ja keinen x-beliebigen Job. Empathie ist wichtig.“ Zu viel Empathie kann aber auch ein Grund sein, eine Trauerrede abzulehnen. Für ein Kind zum Beispiel. Kinder, nein, sagt sie und schüttelt den Kopf, kann sie nicht und will sie nicht, dazu ist sie zu sehr Mutter.

Sie hält Reden vor 100 oder nur vor 5 Trauergästen, intensiv können beide Bestattungen sein, sagt Gabriele Fischer. Die einen, weil die Toten zu Lebzeiten viele Freunde und Verwandte um sich hatten, geliebt und beliebt und geschätzt waren. Die anderen, weil sie niemanden hatten. „Das macht mich dann sehr traurig“, sagt sie und fügt an: „Beerdigungen sind wie die Verstorbenen selber, die einen sind laut und heiter, die anderen leise und verdruckt.“ Was sich schon im Vorgespräch widerspiegelt: Da ist der Witwer, der kaum etwas Persönliches über seine Frau erzählt („Männer sind eher zurückhaltend, können nicht über ihre Gefühle reden“), und da ist die Witwe, die in der Erinnerung an ihren Mann aufblüht.

Ihre Aufgabe sieht sie darin, die Menschen aus ihrer Schockstarre zu holen, sie sind hilflos, wie gelähmt angesichts des Todes. Sie wissen bisweilen nicht, wie man eine Beerdigung gestalten kann, eine, die dem Verstorbenen auch gerecht wird. Mit Musik – sei es mit „Hell’s Bells“ von AC/DC, wenn das der Lieblingssong des Toten ist. Oder mit Textpassagen – sei es mit der „Möwe Jonathan“ des Schriftstellers Richard Bach, wenn die Verstorbene das Buch liebte. „Lebendig und persönlich“ soll die Trauerfeier sein, mit Betonung auf „Feier“, der oder die Verstorbene soll gefeiert werden. „Ich will mehr Mexiko“, sagt Gabriele Fischer. Das heißt: einen unverkrampften Umgang mit dem Tod.

Berufung? Das ist hochtrabend

Spaß, nein, Spaß macht ihr das nicht, das ist der falsche Begriff. Und eine Berufung ist es auch nicht, „das klingt zu hochtrabend“. Was Gabriele Fischer macht, bezeichnet sie als „Arbeit am Menschen, als verantwortungsvolle Arbeit“ – eine Arbeit, die ihr auch Kraft gibt. Seither steht sie anders im Leben, „ich bin gelassener, lebe bewusster“.

Und wenn sie an ihren eigenen Tod denkt? „Dann tut mir derjenige schon leid, der die Trauerrede halten muss, weil mein Leben so vielfältig war.“ Sagt sie und lacht. Dann hört sie gar nicht mehr auf zu lachen. Eines ist klar: Bei ihr wird’s laut und lustig.

29. November 2016 18:39 Uhr

KREIS NEU-ULM

http://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Diese-Trauerrednerin-sorgt-fuer-ungewoehnliche-Beerdigungen-id39845187.html?view=print

 

Diese Trauerrednerin sorgt für ungewöhnliche Beerdigungen

Die 52-jährige Gaby Fischer arbeitet als freie Trauerrednerin. Was sie an alten Gepflogenheiten nervt und wieso Holzspäne manchmal besser als Blumen sind.  Von Sabrina Schatz

Gaby Fischer arbeitet als Trauerrednerin.

Foto: Alexander Kaya

Die Trauergäste sammeln sich in dem einstigen Casino, im Hintergrund läuft die Country-Band Truckstop, „Ob wir feiern geh’n bis morgens um drei, deine Mutter ist immer dabei“, darauf folgt ein Gedicht zum Schmunzeln. Eine solche Trauerfeier hätte der 80-jährigen Verstorbenen gefallen, waren sich deren Töchter sicher. 

Deshalb engagierten sie die freie Trauerrednerin Gaby Fischer aus Neuhausen, die rückblickend sagt: „Die Dame hat es ein Leben lang krachen lassen und war außergewöhnlich lebensfroh. Dementsprechend sollte ihr Abschied sein.“ Da passten keine hölzernen Kirchenbänke, kein kollektives Gebetsmurmeln.

Im November, anlässlich des Totensonntags oder Allerheiligen, machen sich viele Menschen Gedanken über Tod und Abschied. Fischer hat es zu ihrer Aufgabe gemacht, unkonventionelle Trauerfeiern zu organisieren. Dabei verabschieden sich Hinterbliebene etwa in einem Sitzkreis von der oder dem Verstorbenen, bei einem Spaziergang zum Grab oder anhand von Textpassagen aus dem Buch „Die kleine Möwe Jonathan“. 

Einmal hat eine Familie Holzspäne statt Blumen ans Grab gelegt, weil der Verstorbene den Wald geliebt hat. „Es ist wichtig, der Feier einen persönlichen Stempel aufzudrücken“, sagt Fischer. Deshalb erfragt die 52-Jährige im Vorgespräch Anekdoten, Lieblingslieder, Ticks und amüsante Eigenarten des Toten, blättert mit den Angehörigen in Fotoalben. Vom Schönreden hält sie nichts, war jemand ein mürrischer Zeitgenosse, dürfe das auch gesagt werden.

Gabriele Fischer hatte genug von "grottigen" Beerdigungen

Wenn Gabriele Fischer redet, dann schnell und in Dialekt. Anders bei Trauerfeiern, da legt sie diese Angewohnheit ab, damit sie jeder versteht. Außerdem tauscht sie Jeans und Strickweste gegen schwarze Hosen und einen Blazer ein, um angemessen gekleidet zu sein. Darunter darf aber ein farbiges T-Shirt hervorspitzeln. Zu ihrer Arbeitsausrüstung gehört zudem eine schwarze Mappe mit Texten.

Zur selbstständigen Trauerrednerin wurde Fischer im April 2015. Einerseits, weil sie genug hatte von „grottigen“ Beerdigungen, wie sie erzählt – genug von Pfarrer, die den Namen des Toten falsch ausgesprochen hatten, von Predigen nach Schema F, von der Schockstarre und dem für sie unsäglichen Begriff Leichenschmaus. Außerdem wollte sich die gelernte Industriekauffrau beruflich weiterentwickeln.

Erfahrung im Reden vor vielen Menschen, auch ein volles Adressbuch, brachte Fischer bereits mit: Sie bietet Erlebnis-Stadtführungen in Ulm an, bei denen sie etwa in die Rolle einer Nachtwächterin oder Henkerin schlüpft. „Ich hatte erst Bedenken, dass die Menschen abgeschreckt sind von einer Trauerrednerin mit einer Gosch’ wie ein Schwert“, sagt sie. Sie sei eines Besseren belehrt worden.

Zwar seien viele überrascht gewesen, die quirlige Stadtführerin auf einer Beerdigung anzutreffen, hätten sich dann aber überzeugen lassen. „Einmal hat einer danach zu mir gesagt: Wäre der Anlass nicht so traurig gewesen, würde ich sagen: Das war ’ne geile Rede“, erinnert sich Fischer stolz. Lachen und Weinen, Tod und Leben, das gehöre für sie halt zusammen. „Ich sehe es so: Die Menschen haben nur die Seiten gewechselt.“ 

Will Fischer sich selbst beschreiben, dann als jemanden, der mit beiden Beinen im Leben steht. Diese Energie will sie Trauernden weitergeben. Denn viele seien beim Gedanken an den Tod überfordert, reagieren hilflos. In solchen Fällen berät Fischer die Hinterbliebenen, was für Möglichkeiten es gibt, eine Trauerfeier zu gestalten. Die meisten Ideen entspringen ihrer Kreativität, aber auch in Büchern holt sie Inspiration. „Trauerreden sind kein Spaß, aber sie haben was Echtes, Erfüllendes.“ Hochzeitsreden zu halten könne sie sich nicht vorstellen.

Wie die Trauerrednerin mit dem Thema Tod umgeht

Vor einigen Jahren hätte sich Fischer selbst nicht an das Thema Tod herangetraut. Den Gedanken an das eigene Ableben vermied sie. Diese Scheu hat sie abgelegt: Sie hat bereits Formalia geregelt, sich zum Beispiel auf einen Bestatter festgelegt. Alles andere will sie ihren beiden Töchtern überlassen, die noch nicht daran denken wollen, was danach kommt. „Ich will nicht, dass sie traurig sind. Darum mache ich ab und zu Späßle darüber“, sagt die Neuhauserin. Die Töchter seien damit aufgewachsen, dass ihre alleinerziehende Mutter unkonventionell ist.

Die meisten von Fischers Kunden wohnen in städtischem Gebiet, viele haben sich für eine Urnenbestattung entschieden. Laut Fischer gebe es nach wie vor ein Gefälle zwischen Stadt und Land. In Dörfern sei es eine größere Herausforderung, von Gepflogenheiten abzuweichen und etwa Beerdigungen frei und ohne kirchliche Elemente zu gestalten. Die 52-Jährige betont jedoch, dass sie Pfarrern nichts wegnehmen will, sondern ergänzend wirken kann. Denn ein Pfarrer habe bereits befürchtet, in Konkurrenz mit ihr zu treten. Fischer selbst ist aus der Kirche ausgetreten, ebenso viele ihrer Kunden.

„Glaube und Kirche sind zweierlei für mich“, sagt sie. Es gehe ihr darum, vorhandene, starre Strukturen und Abläufe zu durchbrechen: „Man muss ja nicht in die Leichenhalle reinhocken, nur weil man es immer gemacht hat.“ So glaubt sie, dass eine freie Gestaltung im Kommen ist.